Von der Atomheide zur Waldheide

???????????????????????????????Am 16. Januar 2015 fand im Regional-Büro des Kreisverbandes von „Die Linke“ eine gemeinsame Veranstaltung des Linken-Kreisverbandes und der Organisierten Linken Heilbronn (OL) statt. Anlass war der 30. Jahrestag des Raketen-Unfalls am 11. Januar 1985 auf der Heilbronner Waldheide, die bis 1991 von der US-Army als militärischer Stützpunkt genutzt wurde. Damals war eine Pershing-2-Rakete bei der Montage im Rahmen einer Einsatzübung explodiert, drei amerikanische Soldaten kamen ums Leben. Gegen die Stationierung der mit atomaren Sprengköpfen ausgestatteten Pershing-Raketen gab es in den 1980er Jahren eine breite gesellschaftliche Bewegung in der Stadt.

Hier der Bericht des LINKEN-Kreisverbandes zur Veranstaltung:

Gedenkveranstaltung zum 30. Jahrestag des Pershing 2-Unglücks auf der Heilbronner Waldheide.

Das Regionalbüro der Heilbronner LINKEN war voll, als am 16. Januar eine Veranstaltung vom Kreisverband der LINKEN und der Organisierten Linken (OL) zum 30. Jahrestag des Raketenunglücks stattfand. Begonnen wurde der Abend mit einem Beitrag von Konrad Wanner, der als politisch Aktiver die Raketenstationierung auf der Waldheide miterlebt hatte. Wanner war zu dieser Zeit Mitglied der SDAJ und später der DKP und ein Freund des ehemaligen Heilbronner Buchenwaldhäftlings Walter Vielhauer. In diesem politischen Umfeld engagierte er sich in der Friedensbewegung.

Die Heilbronner Waldheide war bereits zu Kaisers Zeiten Militärgelände und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee als Raketenstandort genutzt. Was in Zeiten des Kalten Kriegs als normal erschien, wurde durch den NATO-Doppelbeschluss zur atomaren Bedrohung. Mit tatkräftiger Unterstützung des damaligen SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt wurden erstmals Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen, die auf die Sowjetunion gerichtet waren, in Deutschland stationiert. Diese Pershing 2-Raketen bedeuteten eine weitere Steigerung des Wettrüstens. Ziel sollte sein, die Sowjetunion von Europa aus atomar bedrohen zu können. Damit rückte der Raketenstandort Heilbronn, gemeinsam mit Mutlangen und Neu-Ulm, in das Zentrum des atomaren Kriegsszenarios.

Gegen diese Pläne rührte sich in Heilbronn Widerstand. Verschiedene Gruppen aus den linken, christlichen und gewerkschaftlichen Spektren fingen an die Bevölkerung vor den möglichen Gefahren zu warnen. Es gab Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und Blockaden. Mit der tatsächlichen Stationierung der Pershing 2-Raketen, die offiziell geheim gehalten wurde, vergrößerte sich auch der Widerstand. Konrad Wanner wurde so OB-Kandidat der DKP mit dem Slogan: „Die Atomheide muss wieder zur Waldheide werden“. Ziel war, das Thema in der öffentlichen Debatte zu halten.

Am 11. Januar 1985 geriet dann eine Pershing 2 in Brand, nach offiziellen Verlautbarungen hat sie durch elektrostatischer Entladung Feuer gefangen. Bei diesem Unfall starben drei US-amerikanische Soldaten. Ein atomarer Sprengkopf war zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Rakete montiert gewesen. Die Bevölkerung in Heilbronn und weiteren angrenzenden Gemeinden war unter Schock. Nun war die Gefahr vor der Haustür bewiesen und erst jetzt wurde offiziell zugegeben, dass Atomrakteten auf der Waldheide stationiert sind.

Der Protest, der vorher oftmals verächtlich gemacht wurde, war nun von breiten Schichten der Bevölkerung getragen. Zehntausend maschierten nun zur Waldheide, ein Sonderzug mit 1000 Heilbronnern fuhr nach Bonn und es gab Dauerblockaden vor den Eingängen des Militärgeländes. Der damalige Verteidigungsminister Wörner, der Monate später im Heilbronner Rathaus über die Unfallursache informierte, konnte danach das Rathaus nur über die Hausmeisterwohnung verlassen. 4.000 Menschen hatten das Rathaus umzingelt, weil auch sie Informationen wollten.

Im zweiten Teil des Abends ergänzte Claudia Haydt die Geschichte der NATO vom Ende der Systemauseinandersetzung bis zum heutigen Tag. Haydt ist Vorstandsmitglied der Informationsstelle Militarisierung (IMI), der Partei Europäische Linke und der LINKEN, sie ist Wissenschaftlerin und Friedensbewegte. Sie trug vor, dass die Hoffnung auf weltweite Abrüstung nach dem Ende der Sowjetunion nie Realität wurde. Das westliche „Verteidigungs“bündnis suchte sich neue Aufgaben und fand sie in Out of Area-Einsätzen, also die Strategie eigene Interessen (Ressourcen, Handelswege, etc. ) durch militärische Interventionen durchzusetzen. Angriffskriege wurden zu einer Option, die bis heute besteht und an der sich auch die Bundeswehr beteiligt. Gegenüber Russland wurde die Expantionspolitik der NATO ständig weitergetrieben und steht heute mit Militärbasen in den baltischen Staaten und dem Engagement in der Ukraine an der direkten Grenze zu Russlands. Die Destabilisierung Russlands und der Sturz Putins ist das Ziel. Damit soll eine eigenständige Politik Russlands gebrochen werden. Auch hier geht es um den Zugang zu Ressourcen und der Bekämpfung eines geostrategischen Konkurrenten.

Claudia Haydt verwies auf eine Spendenaktion von Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion, die einem Waisenhaus in der Ostukraine zugute kommt.

Im Anschluss gab es eine gute Diskussion und die Möglichkeit eine von Konrad Wanner zur Verfügung gestellte Ausstellung zu Pershing 2 und Proteste auf der Waldheide anzusehen. Die Ausstellung wird noch bis zu 23.1. im Regionalbüro der LINKEN zu sehen sein (Allee 40, 15. Stock) und im Anschluss im Sozialen Zentrum Käthe in der Wollhausstr. 49, beides in Heilbronn.

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