Eindrücke der katalanischen Linken – „Candidatura d’Unitat Popular“ (CUP)

Die CUP – Einblicke in Geschichte, Gegenwart und Zukunft einer linken Unabhängigkeitspartei
Interview mit Quìm Arrufat

Was ist die „Candidatura d’Unitat Popular“ (CUP) – welche Ziele hat die Partei?

Die CUP, das sind mehrere lokale Projekte die in den sozialen Bewegungen arbeiten, für ein gemeinsames Projekt – für ein unabhängiges Katalonien, Sozialismus und Feminismus, mit der gemeinsamen Idee, dass das ganze durch eine radikale Demokratie aufgebaut werden soll.

Wie ist die CUP entstanden, aus welchen Bewegungen ist sie hervorgegangen?

Vor allem am Anfang der 2000er Jahre, also vor 15 Jahren, gab es eine Generation von Jugendlichen, die sehr heftig in Barcelona gekämpft haben, gegen die Regierung der Partido Popular (PP)*, die erste nach dem Faschismus, gegen die spanischen Polizisten, die sich sehr heftig Verhalten haben, gegen die Besatzung des Irak und um die Hausbesetzer*innenbewegung von Barcelona zu Verteidigen.

Diese Generation hat sich entschieden, zu den Dörfern, in ihre Städte und Viertel zurück zu gehen und nicht nur zu Demonstrieren, sondern Projekte aufzubauen, eigene Institutionen. Innerhalb der letzten 15 Jahre hat man mehr als 200 soziale Zentren aufgebaut. Jetzt gibt es in allen Städten und Dörfern Kataloniens soziale Zentren, welche Häuser der sozialen Bewegungen sind. Sie sind aber auch ein kräftiger Motor für Mobilisierungen und ideologische Debatten. Auf dieser Grundlage hat man später, als man in den Dörfern und den Städten schon eine Bewegung aufgebaut hatte, auch die Projekte für die Institutionen geschaffen. Die ganze Zeit auf einer lokalen Ebene. Aufgrund der politischen, demokratischen, wirtschaftlichen und finanziellen Krise die wir erlebt haben, haben wir uns vor etwa 4 Jahren entschieden, zum ersten Mal ins Parlament zu gehen. Aber zuerst sollten wir uns auf der Straße aufbauen und erst später haben wir das im Parlament versucht. Jetzt, 15 Jahre später sind wir ca. 8000 bis 9000 Aktivisten, mehr als 200 soziale Zentren, 180 lokale Versammlungen der CUP, 400 Stadträte, 32 Städte sind von uns regiert und wir haben 10 Abgeordnete im Parlament. Es hat lange gedauert aber es ist auch sehr solide, was wir aufgebaut haben.

Mittel und Wege im Spannungsfeld zwischen Institutionen und linker Bewegungen:

Eine Sache, die wir im Gegenteil zu älteren Linken Bewegungen gemacht haben und was sehr deutlich war, ist eine neue demokratische Kultur aufzubauen. Also Institutionen sind nicht unser Spielfeld, sondern es ist ihres, von der Macht. Eine Partei aufzubauen mit neuen radikal-demokratischen Regeln, mit einer neuen demokratischen Kultur, das bedeutet auch sehr klar zu haben, welche Grenzen man für sich selbst hat. Unsere Abgeordneten zum Beispiel, dürfen nur ein Mal im Parlament sein, die Stadträte nur 2 Mal. Kein Bürgermeister von uns, kein Abgeordneter, niemand, verdient mehr als 1.400 €. Das ist unser höchster Lohn, weil wir auch denken, dass unsere Vertreter mehr oder weniger wie die Leute leben sollen, obwohl die Mehrheit hier ärmer ist. Aber es ist nicht viel mehr. Alle diese Regeln sind für uns sehr wichtig. Die älteren Linken sagen, dass die Ziele so wichtig sind, dass es egal ist, welche Mittel wir anwenden, denn die einzig wichtige Sache sind die Ziele. Das war sehr typisch und ist auch heute noch typisch, das zu sagen. Aber wie man zu den Zielen kommt, bestimmt auch die Ziele. Also: Es ist nicht möglich zum Sozialismus zu kommen oder zu einer demokratischeren Gesellschaft, egal was für ein Ziel man hat, ohne von Anfang an die politische Kultur zu verändern. Alles andere sind nur ausreden. Das haben wir mit der kommunistischen Partei hier erlebt und auch mit den Gewerkschaften. „Ich verdiene 5000€, bin aber Kommunist“, „Ich bin seid 25 Jahren in der selben Institution und nichts ist passiert, aber ich bin Kommunist“. Naja, vielleicht bist du Kommunist, das kannst du nur selbst bestimmen, aber irgend etwas funktioniert nicht. Wir, die Gesellschaft, bezahlen einen zu hohen Preis um dich zu haben, ohne Ergebnisse. Und die Macht ist sehr daran interessiert, dass du diese Fehler machst, weil dann die Bevölkerung, die Arbeiter, rechnen dann nicht mehr mit dir. Du hast viele Widersprüche in deiner Person mit denen du kämpfen musst und das macht das ganze sehr Kompliziert und am Ende gewinnen sie. Und deshalb sind die Wege die wir wählen genau so wichtig, wie die Ziele, die wir haben.

Wo siehst du die CUP in 15 Jahren?

Ich hoffe, dass die Bewegung größer wird, aber ich hoffe auch, dass die CUP nicht mehr existiert. Ich persönlich bin dagegen, als Revolutionär, die strukturellen Instrumente die wir schaffen, die wir aufbauen einfach so zu verteidigen. Je nachdem was in dem Land passiert, sollte man als revolutionäre Bewegung jedes Mal neue Instrumente aufbauen. Und nicht einfach bei einem Instrument bleiben, eine Bürokratie aufzubauen und einfach alles zu sich nehmen. Ich denke dass, weil wir Veränderungen machen werden in diesem Land, neue Instrumente aufgebaut werden müssen. Also die CUP, so wie man sie kennt sollte meiner Meinung nach in einigen Jahren zu einer neuen Bewegung werden, die in dieser Zeit nützlich ist. Aber jetzt im Moment ist unser Instrument die CUP.

 

Anmerkungen:
Das Interview entstammt einem Video und wurde aus Gründen der Lesbarkeit und Verständlichkeit überarbeitet. Dabei haben wir versucht, so nah wie möglich am Orginialton zu bleiben.

Das Interview als Video auf unserem Youtube-Kanal.

*Partido Popular, rechtskonservative Volkspartei.

Quìm Arrufat ist ehemaliger Abgeordneter der CUP im katalanischen Parlament und Sprecher der „Candidatura d’Unitat Popular“ (CUP).

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