Demonstration von Neckar-Castorfrei in Heilbronn

Zur Antiatom-Frühjahrs-Demonstration in Heilbronn fanden sich am vergangenen Samstag ca. 800 Menschen ein. Das Bündnis „Neckar castorfrei“ hatte dazu aufgerufen gegen den „unsinnigen und gefährlichen Transport“ von Atommüll auf dem Neckar zu protestieren.
Die Demonstration zog, nach einer Auftaktkundgebung auf dem Kiliansplatz, am Hauptbahnhof und an der Schleuse Heilbronn vorbei und endete auf der Erwin-Fuchs-Brücke. Dort gab es zahlreiche Infostände, u.a. vom „Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn“ und dem „Sozialen Zentrum Käthe“. In Reden wurde auf die Missstände in deutschen Kernkraftwerken hingewiesen und über die Situation in Fukushima berichtet. Daneben fand auch eine Aktion mit Schlauchboot und aufblasbaren Enten, dem Symbol des Bündnisses, auf dem Neckar statt. Musikalisch begleitet wurde der Tag von diversen Samba-Gruppen.

Die Polizei war an diesem Tag mit 100 Beamten im Einsatz, darunter auch einige Zivilstreifen. Während sie sich bei den angemeldeten Aktionen zurückhielt, wurde eine Gruppe junger Menschen auf dem Nachhauseweg grundlos kontrolliert. Im Voraus hatte es von behördlicher Seite aus einige Auflagen gegeben, welche sich jedoch als absolut unzulässig herausstellten und nach dem Einschalten eines Anwalts zurück genommen werden mussten.

In den kommenden Monaten will das Energieversorgungsunternehmen EnBW insgesamt fünf Transporte mit hochradioaktiven Castoren von Obrigheim nach Neckarwestheim durchführen. Dass Atommüll von einem Ort zum anderen transportiert wird, obwohl es bis heute noch keine wirkliche Lösung für eine Endlagerung gibt, ist leider nichts Neues. Zum ersten Mal aber soll der gefährliche Vorgang über Wasser stattfinden: Über den Neckar.

Auch wir rufen dazu auf, gegen dieses Vorhaben auf die Straße zu gehen. Wir sind darüber hinaus der Meinung, dass unser Protest und Widerstand gegen Atomkraft auch eine grundsätzliche Debatte darüber anstoßen muss, wie die Energieversorgung unserer Gesellschaft organisiert sein soll. Mehr dazu in unserem Statement unten.

Haltet euch auf dem Laufenden über die anstehenden Transporte, wir sehen uns wieder wenn es heißt: Neckar Castorfrei!

System change – not climate change!
Energieversorgung vergesellschaften!

Einen Nachbericht mit Bildern vom Bündis „Neckar Castorfrei“ findet ihr hier.


Statement der Organisierten Linken Heilbronn (IL) zu den geplanten Castortransporten auf dem Neckar

Für viele Menschen in Deutschland scheint das Thema Atomkraft abgehakt. Der
Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossene Sache und der radioaktive Müll muss
halt irgendwo hin – warum sollten wir noch gegen Atomkraft demonstrieren?

Wir glauben aber, dass die Frage der Energieversorgung unserer Gesellschaft und das
Thema Atomstrom nach wie vor große Relevanz und Sprengkraft hat. Denn der
Atomausstieg ist unvollständig. Nach wie vor sind Atomkraftwerke ans Stromnetz
angeschlossen und die Atomkonzerne versuchen weiterhin Profite daraus zu
schlagen, obwohl die Mehrheit für den Ausstieg aus der Kernenergie ist. Sie spielen
auf Zeit, denn global gesehen ist Atomkraft im Aufschwung. Die Konzerne
spekulieren auf einen erneuten Politikwechsel und Laufzeitverlängerungen –
Wir fordern: Alle AKWs müssen sofort vom Netz genommen werden!

Doch selbst beim Ausstieg aus der Atomkraft werden nicht die Konzerne und
Eigentümer zur Kasse gebeten, die jahrelang die Profite eingestrichen haben. Die
Folgekosten für die Lagerung von Atommüll oder den Rückbau der Atomkraftwerke
sollen auf die Verbraucher abgewälzt werden. Der radioaktive Müll kostet unsere
Gesellschaft auf nicht absehbare Zeit enorme Summen und während Einzelne Profite
machten, soll die Gesellschaft dafür haften.

Abgesehen davon ist man von einer Lösung der „Atommüllfrage“ weit entfernt. Ein
Endlager gibt es nicht und ob es jemals eine Möglichkeit geben wird, den auf
Jahrtausende strahlenden Müll irgendwo sicher zu langer, steht in den Sternen. Statt
den Atommüll vorerst dort zu lagern, wo er gerade ist, um wenigstens das Unfall-
Risiko gering zu halten, wird der strahlende Müll auf Schienen, Straßen und im
aktuellen Fall per Schiff quer durchs Land transportiert. Die Folgen eines Unglücks
auf dem Neckar, sind derweil völlig unabsehbar. Und die Atommülltransporte über
Wasser sind letztlich auch ein Testlauf für weitere Atommülltransporte per Schiff in
ganz Deutschland.

Doch unser Protest und Widerstand gegen Atomkraft muss auch eine grundsätzliche
Debatte darüber anstoßen, wie die Energieversorung unserer Gesellschaft organisiert
sein soll. Im Moment ist unsere Energieversorgung stark zentralisiert; große
Unternehmen mit riesigen Kraftwerken beherrschen den Markt. Sie werden nicht
demokratisch kontrolliert und orientieren sich am privaten Profit, statt an den
Bedürfnissen der Menschen. Wer nicht zahlen kann, dem wird der Strom und somit
auch die Teilhabe an unserer Gesellschaft abgedreht. Angesichts des Klimawandels
ist die Energieversorgung durch Kohle und fossile Energieträger absolut
unverantwortlich.

Statt dessen brauchen wir eine dezentrale, demokratisch kontrollierte
Energieversorgung durch erneuerbare Energien. Wir wollen gemeinsam darüber
entscheiden, wie die Energieversorgung unserer Gesellschaft organisiert werden
kann. Dafür müssen wir die Macht der Konzerne brechen und sie auf demokratische
Organisationen übertragen – für eine lebenswerte Zukunft und den Schutz unserer
natürlichen Umwelt. Daher sagen wir: System change not climate change. Strom
für alle – Profite für niemanden. Energieversorgung vergesellschaften!

Eine andere Struktur der Energieversorgung, soziale Rechte und ökologische
Standards fallen nicht vom Himmel, sie müssen erarbeitet und erkämpft werden.
Ziviler Ungehorsam hat dabei gerade in der Anti-AKW-Bewegung eine lange
Tradition. Von Blockaden, über Ankett-Aktionen zu Straßenunterhöhlungen oder
Castor-Schottern im Wendland, immer wieder haben sich Menschen kollektiv oder
individuell über Gesetze hinweggesetzt, Mittel genutzt die zwar nicht legal aber
legitim sind, um den Atomausstieg und den Kampf um eine demokratische
Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen. An diese große Tradition wollen
wir mit vielen anderen anknüpfen wenn es heißt: Neckar Castorfrei!

 

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